Mittwoch, 25. November 2009

Keese-Käse

Bei Carta gerade ein Interview mit Chrisoph Keese zum Leistungsschutzrecht gelesen. Ich bin wirklich erschüttert, welche unsinnigen Forderungen von Seiten der Zeitungsverlage erhoben werden: erschüttert, weil ich seit längerem die Diskussion verfolge und es mir nicht möglich ist, die Argumentation auch nur in Ansätzen nachzuvollziehen. Das ist absoluter Bullshit - und der wird auch noch öffentlich geäußert und die Politik reagiert darauf. Unglaublich.

Hier einige Kostproben der Argumentation:
Zu wünschen aber ist, dass jeder, der sein geistiges Eigentum anbietet, von einer Wahlmöglichkeit Gebrauch machen kann: Stelle ich mein Angebot kostenlos ins Netz oder gegen Geld? Diese Wahlmöglichkeit besteht heute in Wahrheit nicht. Die realen Marktbedingungen erzwingen eine Entscheidung für „Kostenlos“ oft gegen den Willen der Verlage und Journalisten.
Was das mit Google zu tun hat, verstehe wer will.

Unter dem Druck der drohenden Netzunsichtbarkeit entscheiden sich die meisten Verlage zähneknirschend dafür, den „Gefunden- werden-Schalter“ auf ihrer Webseite nicht umzulegen, erleiden mit dieser Entscheidung jedoch zugleich einen Schaden, weil sie gezwungen sind, die Null-Beteiligungs- Strategie von Google zu akzeptieren.
"Null-Beteiligungs-Strategie"? Beteiligung woran denn? Was in aller Welt haben die Werbeerlöse von Google mit den gefragten journalistischen "Qualitätsprodukten" der deutschen Presse zu tun? Wir wollen gefunden werden und Geld dafür bekommen. Ich spare mir jetzt Beispiele aus der analogen Welt, die die Absurdität dieser Forderung zeigen - gibts schon genug.

Die Werbespalte rechts auf der Google-Seite wäre ohne Verlagsinhalte in der Suchergebnisspalte auf jeden Fall nicht so gut zu verkaufen.
Wenn es nicht so traurig wäre, durchaus für den Lacher des Tages geeignet.

Das geht das gesamte Interview so weiter - null Inhalt, selbst bei gutem Willen nicht nachvollziehbar.

Ein guter sachlicher Kommentar findet sich hier bei netzwertig.de

Freitag, 13. November 2009

Der Preis ist heiß - genau 232,78 Grad Celsius

Stau. Im Kultursender meiner Wahl läuft "Autobahn" von Kraftwerk. Ich versuche dies in der innerstädtischen konjunkturpaketbedigt verkehrsberuhigten Zone nicht als Provokation aufzufassen und konzentriere mich auf die Auslassungen des Musikjournalisten zu einer neuen Sammeledition der Elektronik-Pioniere, um mal im Kulturjournalistenslang zu bleiben. Leider lässt der Journalist nichts aus. So ist natürlich wieder die Mär zu hören, dass ohne Kraftwerk HipHop und Techno geradezu undenkbar wären (welch schöner Gedanke ). Wann untersucht mal jemand, wer diesen Mythos eigentlich in die Welt gesetzt hat. Und welche Bedingunge erfüllt sein müssen, damit sich dererlei Mythen halten. Denn nicht wenige Produkte der Kulturindustrie haben ihr Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten, sind aber wie selbstverständlich in Klassikerlisten gelistet, die, vorsichtig ausgedrückt, auch mit Vorsicht zu genießen sind. So ist Fahrenheit 451 nicht nur die Temperatur, bei der ein Buch zu brennen beginnt, sondern auch ein Film, der Kategorie: viel gepriesen/ nicht zu genießen.
Mittwoch ist bei mir Kinotag: Mit Freunden, die nachwuchsbedingt nicht gemeinsam das Kino aufsuchen können, wird jede Woche digitales Bewegtbild an die Wand gebeamt: sozusagen die Wand, die die Welt bedeutet (nur weil Schiller gerade Geburtstag hat, ansonsten natürlich Quatsch). Ich muss die Filme aussuchen. Bekanntlich wächst die Schwierigkeit, sich für einen Film zu entscheiden, proportional zur Anzahl der Betrachter und so habe ich schon manche Stunde in der Videothek meines Vertrauens zugebracht, da schon die Anzahl von 4 Betrachtern einen Schwierigkeitsgrad von 7 auf einer Skala von 8 zur Folge hat. Denn einige Grundsätze konnten schon nach den ersten Kinotagen aufgestellt werden: keine amerikanischen Filme, keine Filme, die in schwarzweiß und nach 1980 gedreht wurden, insbesondere nicht mit Frauen, die auf gläsernen biergefüllten Beinen tanzen, keine französischen Filme, die im Feuilleton gelobt werden (man stellte sehr schnell fest, dass es sich dabei eher um Hörspiele mit Bildunterstützung handelt), keine Filme von, mit oder über Til Schweiger (der übrigens in Heuchelheim aufgewachsen ist). Daneben gibt es noch die Regel: nicht mit Kindern und Tieren. Da fällt natürlich schon ein Großteil der Cineastenkost weg, klar. Allerdings führte dieses Regelwerk zu einer intensiven Beschäftigung mit dem österreichischen Filmschaffen. Ein Gewinn, aber andere Geschichte.
Da die Bedienung in der Videothek wahrscheinlich schon anderes als filmkundliches Interesse ob meiner ausufernden mittwöchlichen 18-Uhr-Besuche unterstellt, war ich recht dankbar, in der Multimediaabteilung der mir freundschaftlich verbundenen Nachbarschaft eben Fahrenheit 451 zu entdecken. Das würde mir den Weg in die Videothek, zwei Euro, Entscheidungsnot und abschätzige Blicke ersparen. Aber wie heißt es so schön: Wer spart, zahlt doppelt. Oder so ähnlich. Der Aufpreis - 90 Minuten unfreiwillige Komik und vordergründige Medienkritik. Erstaunlich nur, dass der erhobene Zeigefinger die zum Zwecke der Bildprojektion verwendete Wand nicht zum Einsturz brachte. Heute kann man diesen Film eigentlich nicht mehr genießen, in jeder Hinsicht.
Aber zum Glück gibt es ja in einer meinungsoffenen Gesellschaft wie der unseren auch andere Meinungen, die sogar in Büchern nachzulesen sind:

Die Aktualität des Filmes Fahrenheit 451 von Francios Truffaut (für den Deutschunterricht)
Ja, es ist richtig, diesen Film in der Schule zu analysieren, da die Schüler ja das Klasenzimmer nicht verlassen dürfen! So wird wenigstens der "Kanon" gepflegt. Und auch die Erwartungshaltung der Schüler nicht enttäuscht, dass Lehrer eh nur vertaubtes, ungenießbares und oberpeinliches Zeug präsentieren und dabei ggf. noch begeistert von früher reden.

Die DVD von Fahrenheit 451 erschien in der SZ-Cinemathek. Diese wirbt:
Ausgewählt von der Kinoredaktion der Süddeutschen Zeitung, tragen sie die persönliche Handschrift von Filmkennern, die zusammen mit bekannten Autoren jeden einzelnen Film im Booklet vorstellen und interessante Hintergrundinformationen liefern.
http://sz-shop.sueddeutsche.de/mediathek/shop/catalog/editionen/3626.jsp


Der bekannte, Fahrenheit in höchsten Tönen lobende Autor heißt in diesem Falle übrigens Wim Wenders. Und wir haben damit nun eine weitere Regel für den Kinotag.

Montag, 9. November 2009

Demokratiefeindliches Web2.0 ?

Ich bin etwas zu spät dran, wenn ich mich heute, am 9. November, auf einen Artikel der ZEIT vom 22. Oktober beziehe. Es lohnt sich also auch nicht, weiterzulesen - eh nur Schnee von gestern. Denn nichts ist bekanntlich älter, als der gerade gesendete Tweet und die Zeitung von gestern - nicht der Rede wert.
Zur Erklärung, wie dieser verpätete Erguss zustande kommt: Ich lese die ZEIT noch ganz analog und (peinlich dies zuzugeben) auch noch die abgelegte ZEIT von Freunden. Die sind so mutig, und überlassen mir das Feuilleton zur Nachlese. Ein Glück, dass von den Verlagen noch nicht hochgerechnet wurde, welcher Schaden durch Zweitlektüre jährlich zu verbuchen ist, sonst würde sicher die Einführung von OADS (ortsabhängiger Druckerschwärze) gefordert: ein über RFID und GPS gesteuertes System, welches die Zeitung nur im Hause des Abonnenten lesbar macht. Zum Glück war das Feuilleton vom 22.10. auch an meinem Frühstückstisch lesbar und damit auch Adam Soboczynskis "Höfische Gesellschaft 2.0". Worum gehts? Soboczynski geht davon aus, dass die Entwicklung des Web2.0, insbesondere die der der sozialen Netzwerke, zu einer gesellschaftlichen Umwälzung führt, einer "Revolution leiser Natur", wie es schon einige in der Geschichte gab, so beispielsweise die Aufklärung. In der Abgrenzung zum höfischen Leben führte die Aufklärung zur Betonung des Privaten und zur Formulierung entsprechender antihöfischer Moralvorstellungen. Die derzeitige Webzweinullisierung des Lebens führe nun wieder zu Verhaltensweisen und Wertvorstellungen, die in der Aufklärung überwunden schienen, nun aber in der "Höfischen Gesellschaft 2.0" fröhliche Urstände feiern. Kling erst einmal recht weit hergeholt, ist aber erstaunlich erhellend. Welche "höfischen" Maximen bemüht Soboczynski nun? Da wären: Sei witzig! Sei präsent! Langweile nicht! Kurz: "Wer schweigt, zählt nicht."
Zudem - und hier wirds dann noch interessanter - spricht er dem WEB2.0 die vielbeschworene Demokratiefreundlichkeit schlichtweg ab und bezeichnet dies als "Teil eines utopistischen Verblendungszusammenhangs".
Im Juni 2008 antwortet Sascha Lobo auf die Frage "Was ist das Netz" mit recht blumigen Nichtigkeiten, was mich damals schon zu einer knappen Polemik animierte. In diesen Zusammenhang gab es dann auch ein kurzes Telefon-Interview von Deutschlandradio mit mir, in dem ich vorgab, wahrscheinlich zu alt zu sein, um so etwas wie Twitter zu verstehen. Nun gut - heute twittere ich auch dann und wann und (wie es häufig ist), im eigenen Tun erschließt sich dann auch, worin der Nutzwert von Twitter bestehen kann. Dies hat sich mir i.Ü. noch nicht bei Facebook erschlossen, aber andere Geschichte. Was aber auch feststeht: für den vermeindlichen Nutzwert ist eben auch ein Preis zu zahlen. Und der ist im Web2.0 mit einer ganz harten Währung zu entrichten: Zeit. Und hier erscheinen mir viele von den oft gepriesenen neuen Möglichkeiten sehr teuer erkauft.

Ein ebenso ungutes Gefühl wie bei Lobo überkam und überkommt mich bei den kursierenden "Did you know" - Videos, die es nun auch schon mit diversen Versionsnummern gibt. Das Prinzip ist immer das gleiche: Es werden Nutzerzahlen verschiedenster Webdieste und Webtechnologien visualisiert. Man weiß hinterher - oh, sind ja viele. Und wahrscheinlich soll man auch denken, dass viel gleich gut ist. Fand ich schon immer fragwürdig und wenig überzeugend.

Fragwürdig fand ich auch FEFEs Hinweis, dass Zensursula das neue Rammstein-Album auf den Index gesetzt habe, genauer gesagt ist der verächtliche Unterton fragwürdig. Meine Sympathie für die ehemalige Familienministerin hält sich zwar schwer in Grenzen, aber angesichts des Verbaldrecks, der in bestimmten Bereichen der aktuellen Musikszene Normalfall ist, finde ich den Vorgang ausnahmsweise nicht verwerflich. Sollte öfter passieren. Bei Laut.de wird der Sachverhalt natürlich fleißig kommentiert. Einige ständig wiederkehrende Argumente:
  • es gibt ja viel Schlimmeres, was nicht verboten wird
  • Freiheit der Kunst
  • die Zuhörer könnten die "Texte" schon richtig einordnen, ist doch alles nur Spaß
Ähnlich intelligent argumentiert auch Flake, der Keyboarder von Rammstein, in einem Bild Interview.
Das Netz ist ein perfekter Spiegel der analogen Welt: so wie in dieser die Dummheit und nicht der Geist den Ton angibt, erhält auch die Dummheit im Netz den Ihr zustehenden breiten Raum.
Und, um auf Soboczynski zurückzukommen, das Netz ist nicht demokratiefreundlich, ganz und gar nicht.

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Hertare Zeiten ...

... für Herta Müller? Nun ja, wenn's Preise gibt, darf natürlich die Kritik auch nicht fehlen. So berichtet die ZEIT , wie Herta Müller eine Schreibwerkstatt in Berlin leitete und dort nicht eben zimperlich mit dem Nachwuchs umging.

Herta Müller teilt aus, gibt den Dieter Bohlen des Literaturseminars: "Hast du darüber mal nachgedacht, bevor du uns das zumutest?", "Du bedienst alle Klischees!" Wir bekommen so ziemlich alles zu hören, was wir eigentlich lieber nicht hören möchten.
Ich war nicht dabei, Du, geneigter Leser, wahrscheinlich auch nicht, daher lässt sich auch schlecht bewerten, ob die geäußerte Kritik angemessen war oder nicht.
Aber ich fühlte mich durchaus an meine Rolle als Lehrer erinnert: natürlich geht es als Lehrer darum, ständig Werturteile abgeben zu müssen. Und da steht eben auch die Frage, was man so sagt, wenn ein Schüler sich Mühe gegeben hat, aber das Ergebnis einfach mal total daneben ist. Irgendwie ist man ja auch dazu verdammt, noch eine Note zu geben - zumindest wollen das die meisten Schüler so. Und gerade bei "kreativen" Aufgaben im Deutschunterricht geht es mir durchaus manchmal so wie H.M. - nein, ich geben dann nicht den Bohlen, aber die Schlichtheit, die sich in einigen Ergebnissen zeigt, stimmt mich dann schon bedenklich und wirft die Frage auf: Was tun?
Ja, ich weiß, in der Schule gilt es in erster Linie Aufgabenstellungen zu finden, die den Schülern klare Muster, Regeln und Spielräume zur Verfügung stellen, innerhalb denen sie kreativ sein können.

Ich kann aber eine H.M. auch verstehen, denn eine Literaturwerkstatt ist eben keine Schule - also Zwangsgemeinschaft von Menschen, die das, was sie tun müssen eigentlich gar nicht in diesem Moment tun wollen. Und hier ist es auch grundsätzlich legitim, deutlich zu werden.

Zudem - warum haben wir das Bedürfnis, dass Künstler auch "gute Menschen" sein müssen? Beurteilen wir doch H.M.s Literatur als solche. Mir ist es egal, ob sie privat eine Kackbratze ist - übrigens nicht nur bei H.M.

Sonntag, 11. Oktober 2009

Rot-Rote Experimente

Der Tagesspiegel berichtet, dass das Probejahr an den Gymnasien in Berlin nun doch nicht eingeführt werden soll. "Experten" hätten

davon abgeraten, Jugendliche in der schwierigen Phase zu Beginn der Pubertät nach einem Jahr als „gescheitert“ aus dem Gymnasium zu entfernen. Stattdessen wurde ein mehrtägiger Probeunterricht vorgeschlagen. Bei dem könnten sich die Schüler beweisen, die von ihren Grundschulen keine Gymnasialempfehlung bekommen hätten. Wer nicht überzeuge, solle gleich auf die Sekundarschule gehen.
Wir haben momentan in Berlin ein Probehalbjahr. Auch wenn mir keine Zahlen vorliegen, behaupte ich, dass der Anteil der Schüler, die dieses Probehalbjahr nicht schaffen, sehr gering ist (schätze max. 5 Prozent), was unter anderem daran liegt, dass man schon recht deutlich versagen muss, damit man der Schule verlassen muss. M.E. ist es eher erstaunlich, wer das Probehalbjahr so schafft - aber andere Geschichte.

Da gibt es also "Experten", die der Meinung sind, dass einem Schüler, der ein gesamtes Schuljahr in den Sand setzt, nicht zugemutet werden könne, die Schule zu verlassen, da das sensible Seelchen Schaden nehme.

Alternative? Klar! Zugang wird für alle erschwert! Man gedenkt

die Bedeutung des Grundschulgutachtens gegenüber dem Elternwillen aufzuwerten. Nun muss Rot-Rot die Frage beantworten, in welcher Form es diesem Vorschlag folgt. Zur Debatte steht neben einer verbindlichen Grundschulempfehlung ein strenger Numerus Clausus, eine Aufnahmeprüfung am Gymnasium und – als zusätzliche Chance – der Probeunterricht.
Ich persönlich bin nun nicht gegen eine angemessene Einstiegshürde beim Zugegang zum Gymnasium, aber man bedenke:
Die Grundschulempfehlung ist und bleibt eine subjektive Sache. An der Grundschule arbeiten eben auch Menschen, die Fehler machen können. Ausgangspunkt der Bildungsreform ist aber die unterstellte Benachteiligung bestimmter sozialer Gruppen durch die Schulstruktur. Der Zugang zum Gymnasium wurde bisher ausschließlich vom Elternwillen geregelt. Nun solle es der Lehrerwille sein. Was zugangsbeschränkender ist liegt auf der Hand.
Gesamtschulen gab und gibt es in Berlin es auch genug. Wo lag und liegt derzeit die Benachteiligung durch die Schulstruktur? Was wird jetzt besser?

Soviel zur Stimmigkeit der Entscheidungen, die die Berliner Bildungspolitiker treffen. Noch nicht einmal den eigenen Ansprüchen und Zielen wird man gerecht.

Samstag, 10. Oktober 2009

Personalkostenbudgetierung

An vielen Schulen in Berlin fehlen offensichtlich noch Lehrer. Aber, man höre und staune:
Bis November
... müsste an allen Schulen die 100-Prozent-Marke erreicht sein. Zudem könnten die Schulen über drei Prozent der Personalmittel frei verfügen, um kurzfristig auf Unterrichtsausfall reagieren zu können.
Morgenpost

Was bedeutet das aber mit den drei Prozent der Personalmittel genau?
Das bedeutet zu Beispiel, dass sich Herr Pachulke (45), in eine entsprechende Datenbank des Senats eintragen kann, wenn er sich für geeignet hält, das Fach Biologie zu unterrichten. Das bedeutet aber nicht, dass Herr Pachulke eine abgeschlossene Ausbilung als Biologielehrer haben muss. Er kann z.B. Forstwirtschaft studiert haben. Wenn er von einem Schulleiter als geeignet empfunden wird, kann eine befristete Beschäftigung erfolgen.
Nun spricht nichts gegen 45jährige Forstwirtschaftler und es mag sogar vorkommen, dass dieser temporäre Quereinsteiger seine Sache besser macht als als ein desillusionierter Studienrat (obwohl es desillusionierte Studienräte eigentlich gar nicht gibt - ist nur so ein Gedankenspiel. Nicht dass es jetzt Vorwürfe wegen diskriminierender Äußerungen Studienräten gegenüber gibt.)
Zurück zu Pachulke: der unterrichtet nun mit allen Konsequenzen - man hofft stillschweigend, dass er den Lehrplan beachtet, dass er "richtige" Noten gibt usw, denn angeleitet oder besonders kontrolliert wird er nicht - haben ja alle genug zu tun, Lehrermangel eben - ohne Lehrermangel wäre Pachulke ja gar nicht als Aushilfe eingestellt worden.
Wenn Pachulke seine Sache ganz hervorragend macht, wird dies allerdings nicht dazu führen, dass er eine Festanstellung erhält. Warum? Weil er ja kein Lehrer ist.
Die Wahrscheinlichkeit, dass Pachulke seine Sache weniger gut macht ist allerdings wesentlich höher. Warum?
  1. Ich behaupte mal, dass es kaum einen Lehrer gibt, der nicht einige Jahre braucht, um "warmzulaufen".
  2. Zur Daueraushilfe verurteilt, ist es nicht möglich, sich an einer Schule "einen Stand" zu erarbeiten. Dies dauert eben auch seine Zeit.
Das Paradoxe:
Es ist also möglich, dass Nicht-Lehrer eine Klasse temporär unterrichten und benoten.
Es ist sicher auch möglich, dass ein solcher "Aushilfslehrer" dies mehrer Jahre tut (nur nicht immer an der gleich Schule).
Es ist aber nicht möglich, dass bei nachgewiesener guter Eignung eine Übernahme in den Schuldienst erfolgt.
Warum darf jemand etwas für relativ kurze Zeit (z.B. ein Schuljahr), was er für längere Zeit nicht darf?

Klar: Honorarkräfte sind billig, wesentlich billiger als festangestellte Lehrer. Die Statistik sieht dann wieder schön freundlich aus, weil Biologie ja erteilt wurde.

Samstag, 6. Juni 2009

Lunge, komm bald wieder ...

Heute war in der Berliner Zeitung ein schönes Interview mit dem Rechtsmediziner Michael Toskos zu lesen.

Das Reizvolle war nicht unbedingt die Darstellung des Geschmadders in fremder Leute Eingeweide und der regionale Unterschied von Y- , U - oder I-Schnitt bei der Leichenöffnung.
Hell-leserich wurde ich bei der Feststellung von Toskos,

Es gibt keine Raucherlunge. Die Lunge von einem, der 20, 30 Jahre lang geraucht hat, sieht genau so aus wie von einem, der sein Leben lang an der Autobahn oder in Berlin gewohnt hat. Einen Raucher erkennen Sie, wenn, dann an seinen gelben Nikotinfingern.

Wenn es einer wissen muss, dann jemand, der nach eigenen Aussagen 10 000 Obduktionen vorgenommen hat. In der aktuellen Körperwelten-Ausstellung des Gunther "Ich-seh-aus wie-Beuys" Hagen ist ja auch eine "Raucherlunge" ausgestellt.
Das ist Blödsinn, ziemlicher Nepp und Kohlemacherei.
Schön ist, wie offensichtlich wider besseres Wissens derartige Fehlinformationen "tradiert" werden. Jeder Schüler wird in seiner Schullaufbahn schon einmal ein Stück Brustschwarzfleisch bewundert haben dürfen. Nun bin ich keinesfalls ein Beführworter des Rauchens, aber warum zeigt man nicht die schwarzverklebten Brustinhalte des nichtrauchenden Großstadtbewohners, um auf die Vorteile urbaner Lebensführung hinzuweisen. Man sollte vielleicht auch Gemeinden in Brandenburg und McPomm auf dieses Mittel hinweisen, der zunehmenden Landflucht entgegen zu wirken.
Plakate mit dem Slogan "Wohnen Sie in Schwarz am See/ ist die Lunge weiß wie Schnee" könnten da Wunder wirken.

Foto: KATTØYE

Das gesunde Landleben würde in Deutschland die Sterblichkeit auf ein neues Mindestmaß senken, so dass es auch möglich wäre, mehr Verbrechen aufzuklären. Was das miteinander zu tun hat? Na, dass nicht wenige Tötungsdelikte unerkannt bleiben, ist ja kein Geheimnis. Dass daran die laxe Leichenschau nicht ganz unschuldig ist, auch nicht. Warum sich dann aber nichts ändert?

Das wird einfach nicht organisiert. Die Folge, dass wir in der Statistik plötzlich doppelt so viele Tötungsdelikte hätten wie im Vorjahr, wäre ziemlich unpopulär. Das wäre gesellschaftlich beunruhigend.
Das ist mehr als einleuchtend. Ich sehe die Pressemeldungen schon vor mir -- und das in keiner dieser Meldungen ein Zusammenhang zwischen der Ursache (hier eine gründlicher organisierte Leichenschau) und den veränderten Daten hergestellt würde.

Natürlich werden die Todesursachen auf den Totenschein nach deutscher Art auch schön statistisch ausgewertet.

Da schreibt einer Herzinfarkt, natürlicher Tod. Das wird dann im Gesundheitsamt für die Statistik erfasst. Und irgendwann wird behauptet, dass die Zahl der Herz-Kreislauf-Todesfälle um fünf Prozent gestiegen sei. In Wirklichkeit heißt das aber nur, dass fünf Prozent mehr Herzinfarkte auf dem Totenschein angegeben wurden, ohne das durch eine Obduktion zu verifizieren. Diese amtliche Todesursachenstatistik ist Blödsinn.
Aber dieser Blödsinn ist dann wieder Grundlage für Präventionsprogramme. Klar!

Eigenlich müsste jetzt der Satz von der Statistik folgen, der man nur glauben soll, wenn man ...
Ich möchte aber den Volksmund am Schluss zu Worte kommen lassen:

Statistik und Daten
sind nix für den Mann mit Spaten.
-Verband deutscher Kleingärtner und Karnickelzüchter-