Das Buch empfohlen bekommen. Zu Weihnachten der Tochter geschenkt. Selbst gelesen. Schwer enttäuscht.
Wer den Inhalt nicht kennt: hier
Der Roman krankt daran, dass wegen der Grundidee (Nichtwissen -> verfremdender Blickwinkel auf historische Ereignisse) die ganze Figur des achtjährigen Protagonisten "verbogen" wird. Man hat es mit einer Figur zu tun, die sprachlich und geistig recht wendig ist, aber auf alle direkt auf das Lager bezogenen Sachverhalte naiv reagiert wie ein Fünfjähriger.
In gewissem Sinne wird auch die Figur des Shmuel ebenso verbogen, da dieser in den Dialogen mit seinem "Freund" auch ständig um den heißen Brei herumreden muss, der Autor erlaubt's ihm nicht anders.
Die Dialoge erinnern daher auch an schlechte Filmdialoge, bei denen jeder Zuschauer merkt, dass die Figuren gerade „so reden müssen“, da beispielsweise bestimmte Hintergrundinfos notwendig sind – wer öfter Tatort schaut, weiß, was ich meine.
Für einen erwachsenen Leser ist diese Perspektive des Romans ehrlich gesagt schwer zu ertragen - nicht wegen des schrecklichen historischen Hintergrunds, sondern weil das bemühte partielle Verschweigen (Auschwitz, Führer, Jude) den Erzählfluss stört, es knirscht an allen Ecken.
Vor allem ist dies m.E. völlig unnötig: Die Ausgangssituation, die Geschehnisse aus Sicht des Sohnes des Lagerkommandanten zu erzählen ist gut und eröffnet viele Möglichkeiten - auch ohne dass man den Protagonisten und seinen Freund zur absurden Kommunikation verurteilt.
Dazu passt übrigens, dass der der Verlag im Klappentext keine Angaben zum Inhalt macht, um ... ja warum, einen Überraschungseffekt gibt es eben nicht, will sagen es stellen sich keine Erkenntnisse ein, wenn man bein Lesen noch nicht weiß, welche historische Situation hier dargestellt wird. Zudem erfasst der wissende Leser eben sehr schnell, auch ohne Klappentext und Feuilletonempfehlung, worum es geht - dem nichtwissenden wird es sich gar nicht erschließen.
Klar – dies ist kein Roman für Erwachsene, will er auch nicht sein, aber ein gutes Kinder- und Jugendbuch?
Die durchweg unglaubwürdige Figurenzeichnung in einem Roman, der ganz konkrete historische Ereignisse darstellt, finde ich auch für ein Jugendbuch absolut fehl am Platz.
Kinder bzw.Jugendliche, die keinerlei Hintergrundinformationen über den Holocaust haben, erfahren kaum etwas darüber. Gut – es werden u.U. Fragen aufgeworfen, die in Gesprächen mit Eltern und Freunden geklärt werden müssen. Ja, das ist auch etwas. Das Buch lässt sich daher unter diesem Gesichtspunkt auch ganz gut in der Schule missbrauchen.
Für mich daher erstaunlich die fast durchweg positive Resonanz.
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Donnerstag, 7. Januar 2010
Donnerstag, 15. Oktober 2009
Hertare Zeiten ...
... für Herta Müller? Nun ja, wenn's Preise gibt, darf natürlich die Kritik auch nicht fehlen. So berichtet die ZEIT , wie Herta Müller eine Schreibwerkstatt in Berlin leitete und dort nicht eben zimperlich mit dem Nachwuchs umging.
Aber ich fühlte mich durchaus an meine Rolle als Lehrer erinnert: natürlich geht es als Lehrer darum, ständig Werturteile abgeben zu müssen. Und da steht eben auch die Frage, was man so sagt, wenn ein Schüler sich Mühe gegeben hat, aber das Ergebnis einfach mal total daneben ist. Irgendwie ist man ja auch dazu verdammt, noch eine Note zu geben - zumindest wollen das die meisten Schüler so. Und gerade bei "kreativen" Aufgaben im Deutschunterricht geht es mir durchaus manchmal so wie H.M. - nein, ich geben dann nicht den Bohlen, aber die Schlichtheit, die sich in einigen Ergebnissen zeigt, stimmt mich dann schon bedenklich und wirft die Frage auf: Was tun?
Ja, ich weiß, in der Schule gilt es in erster Linie Aufgabenstellungen zu finden, die den Schülern klare Muster, Regeln und Spielräume zur Verfügung stellen, innerhalb denen sie kreativ sein können.
Ich kann aber eine H.M. auch verstehen, denn eine Literaturwerkstatt ist eben keine Schule - also Zwangsgemeinschaft von Menschen, die das, was sie tun müssen eigentlich gar nicht in diesem Moment tun wollen. Und hier ist es auch grundsätzlich legitim, deutlich zu werden.
Zudem - warum haben wir das Bedürfnis, dass Künstler auch "gute Menschen" sein müssen? Beurteilen wir doch H.M.s Literatur als solche. Mir ist es egal, ob sie privat eine Kackbratze ist - übrigens nicht nur bei H.M.
Ich war nicht dabei, Du, geneigter Leser, wahrscheinlich auch nicht, daher lässt sich auch schlecht bewerten, ob die geäußerte Kritik angemessen war oder nicht.
Herta Müller teilt aus, gibt den Dieter Bohlen des Literaturseminars: "Hast du darüber mal nachgedacht, bevor du uns das zumutest?", "Du bedienst alle Klischees!" Wir bekommen so ziemlich alles zu hören, was wir eigentlich lieber nicht hören möchten.
Aber ich fühlte mich durchaus an meine Rolle als Lehrer erinnert: natürlich geht es als Lehrer darum, ständig Werturteile abgeben zu müssen. Und da steht eben auch die Frage, was man so sagt, wenn ein Schüler sich Mühe gegeben hat, aber das Ergebnis einfach mal total daneben ist. Irgendwie ist man ja auch dazu verdammt, noch eine Note zu geben - zumindest wollen das die meisten Schüler so. Und gerade bei "kreativen" Aufgaben im Deutschunterricht geht es mir durchaus manchmal so wie H.M. - nein, ich geben dann nicht den Bohlen, aber die Schlichtheit, die sich in einigen Ergebnissen zeigt, stimmt mich dann schon bedenklich und wirft die Frage auf: Was tun?
Ja, ich weiß, in der Schule gilt es in erster Linie Aufgabenstellungen zu finden, die den Schülern klare Muster, Regeln und Spielräume zur Verfügung stellen, innerhalb denen sie kreativ sein können.
Ich kann aber eine H.M. auch verstehen, denn eine Literaturwerkstatt ist eben keine Schule - also Zwangsgemeinschaft von Menschen, die das, was sie tun müssen eigentlich gar nicht in diesem Moment tun wollen. Und hier ist es auch grundsätzlich legitim, deutlich zu werden.
Zudem - warum haben wir das Bedürfnis, dass Künstler auch "gute Menschen" sein müssen? Beurteilen wir doch H.M.s Literatur als solche. Mir ist es egal, ob sie privat eine Kackbratze ist - übrigens nicht nur bei H.M.
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